How Felix Mendelssohn rediscovered Bach's St Matthew Passion
The report of an eye-witness and collaborator: Eduard Devrient
E. Devrient was a German baritone and playwright. He sang the part of 'Christ' in Mendelssohn's 1829 re-birth of Bach's Passion. The text below is a copy from "Singkreis–Rundbrief", 1959. The text is summarised and edited by Hermann Keller. German text on the left, English translation on the right.
| Deutsch | English |
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| DIE WIEDERBELEBUNG DER MATTHÄUSPASSION. Von Eduard Devrient, "Erinnerungen an Felix Mendelssohn", Leipzig 1869. |
THE REVIVAL OF THE ST MATTHEW PASSION. From Eduard Devrient, Erinnerungen an Felix Mendelssohn (Recollections of Felix Mendelssohn), Leipzig 1869. |
| Die Geselligkeit des Hauses Mendelssohn gewann außer an den Sonntagsmusiken noch einen weiteren bildenden Ernst. Felix begann im Winter 1827 an einem Abend der Woche, gewöhnlich des Sonnabends, einen kleinen zuverlässigen Chor zu versammeln und seltene Musik zu üben. Bald legte er uns seine verehrte "Matthäuspassion" vor. | Besides the Sunday concerts, the social life of the Mendelssohn household gained another, more serious and formative side. In the winter of 1827 Felix began to gather a small, reliable choir one evening a week, usually on Saturday, to rehearse rarely heard music. Before long he set before us the St Matthew Passion he so revered. |
| Nun ging uns eine neue Welt der Musik auf, als ein Stück nach dem andern uns gründlich klar wurde. - Das kursorische Durchnehmen von Bruchstücken in Zelters Freitagsmusik hatte das nicht bewirken können. Daß das Absingen des Evangeliums von verschiedenen Personen den Kern des Werkes abgab, frappierte uns ungemein, es war ja vergessen, wie alt dieser kirchliche Gebrauch war. Die dramatische Behandlung, welche dadurch entstand, die erschütternde Gewalt der einschlagenden Chöre, vor allem die wunderbare Deklamation der Partie des Jesus, die mir eine neue ehrwürdige Bibelsprache war - dies alles wirkte mit jeder Übung wachsendes Staunen und Verwundern über die Größe dieses Werkes. | Now a new world of music opened up to us, as one piece after another became thoroughly clear to us. – Merely running through fragments at Zelter's Friday sessions had not been able to achieve that. That the singing of the Gospel by different persons formed the core of the work struck us enormously; it had been forgotten how old this church custom was. The dramatic treatment that resulted, the shattering power of the choruses as they strike in, above all the wonderful declamation of the part of Jesus, which was to me a new and venerable biblical language – all this produced, with every rehearsal, a growing astonishment and wonder at the greatness of this work. |
| Nicht nur Therese (Eduard Devrients Gattin), alle mitsingenden Freunde teilten meine Eindrücke, und Felix hatte sich über Mangel an Eifer nicht zu beklagen. Er nun war in das Werk so eingelebt, beherrschte seine Schwierigkeiten mit so viel Leichtigkeit, und verstand es, seine Beherrschung des Stoffes, seine lebendige Auffassung des Inhaltes so geschickt und bescheiden auf uns zu übertragen, daß uns natürlich und geläufig wurde, was bis dahin als eine rätselhafte musikalische Geheimsprache gegolten hatte... | Not only Therese (Eduard Devrient's wife) but all the friends who sang with us shared my impressions, and Felix had no lack of zeal to complain of. He himself had grown so much into the work, mastered its difficulties so easily, and knew how to pass on his command of the material and his vivid grasp of its content so skilfully and modestly, that what had until then been regarded as a puzzling musical secret language became natural and familiar to us... |
| Immer heißer wurde in mir das Verlangen, den Jesus öffentlich zu singen; Immer lebhafter tauschten wir die Wünsche aus, daß es möglich sein möchte, das Wunderwerk zur Aufführung zu bringen. Aber allgemein schreckte man auch zurück vor den unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche das Werk an sich - mit Doppelchor und Doppelorchester - dem Studium in den Weg legen würde, und vor denen, welche die Umständlichkeit der Singakademie und die abgeschlossene, unförderliche Haltung Zelters zu bereiten drohten. | My longing to sing the part of Jesus in public grew ever more ardent; ever more eagerly we told one another how we wished it might be possible to bring this miraculous work to performance. But people generally also shrank back from the insurmountable difficulties that the work itself – with double choir and double orchestra – would put in the way of rehearsal, and from those which the ponderousness of the Singakademie and Zelter's reserved, unhelpful attitude threatened to create. |
| Schließlich wurde es sehr in Frage gestellt: ob das Publikum auf ein so weltfremdes Werk eingehen werde? Man hatte wohl in geistlichen Konzerten hie und da ein kurzes Stück von Johann Sebastian Bach der Merkwürdigkeit wegen hingenommen, nur die wenigen Kenner hatten Freude daran gehabt; jetzt aber sollte man einen ganzen Abend nichts als Johann Sebastian Bach hören, der nur als unmelodisch, berechnend, trocken und unverständlich im Publikum bekannt war? Das würde als eine unverschämte Zumutung erscheinen… | Finally it was very much doubted whether the public would respond to a work so remote from the world. In sacred concerts people had occasionally put up with a short piece by Johann Sebastian Bach as a curiosity; only the few connoisseurs had enjoyed it. But now they were to hear nothing but Johann Sebastian Bach for an entire evening – Bach, who was known to the public only as unmelodious, calculating, dry and incomprehensible? That would seem an outrageous imposition… |
| Felix' Eltern selbst, die doch gern das Problem einer Aufführung der Passion durch ihren Sohn gelöst gesehen hätten, vermochten nicht, sich diesen Bedenken zu verschließen, Adolf Bernhard Marx äußerte sich zweifelhaft, und die alten Akademistinnen schüttelten die Köpfe. Felix hielt die Aufführung für so unmöglich, daß er auf mein und der mutvolleren Freunde Andringen nur mit Scherz und Ironie antwortete. Er erbot sich, zu einer Aufführung Knarre und Waldteufel (Kinderinstrumente, womit in Berlin der Weihnachtslärm gemacht wird) zu spielen, stellte alle Stadien, welche die Unternehmung zu durchlaufen hätte, im lächerlichsten Lichte dar, und sich selbst zumal, wenn er, ohne das größte amtliche Ansehen, wagen wolle, das musikalische Herkommen in Berlin aus den Angeln zu heben. | Felix's own parents, who would gladly have seen their son solve the problem of performing the Passion, could not close their minds to these misgivings; Adolf Bernhard Marx expressed doubts, and the old ladies of the Akademie shook their heads. Felix considered a performance so impossible that he answered the urging of myself and the bolder friends only with jokes and irony. He offered to play the rattle and the Waldteufel (children's instruments with which the Christmas din is made in Berlin) at a performance, and depicted every stage the undertaking would have to pass through in the most ridiculous light – himself above all, should he, without any great official standing, dare to lift Berlin's musical customs off their hinges. |
| So hoffnungslos stand es um die Auferstehung der seit hundert Jahren begrabenen Passionsmusik selbst bei ihren Bewunderern. | So hopeless, even among its admirers, were the prospects for the resurrection of this Passion music, which had lain buried for a hundred years. |
| Mir ließ die Sache keine Ruhe. Als wir im Januar 1829 eines Abends den ganzen ersten Teil des Werkes gesungen hatten und mit einem überwältigenden Eindruck nach Haus gegangen waren, da kam mir in ruheloser Nacht der Gedanke, auf welchem Wege eine Aufführung durchzusetzen sei. Mit Ungeduld erwartete ich den späten Wintertag. Therese stimmte meinem Plane ermutigend bei, und so machte ich mich zu Felix auf... | The matter gave me no peace. One evening in January 1829, after we had sung the whole of the first part of the work and gone home deeply overwhelmed, the idea came to me, in a restless night, of how a performance might be pushed through. Impatiently I waited for the late winter day. Therese encouraged me in my plan, and so I set off to see Felix... |
| Als er erschien, hieß ich ihn an sein Frühstück gehen und eifrig essen, damit er mich nicht zu oft unterbreche. Er ging mit gutem Humor und noch besserem Appetit darauf ein, und ich erklärte ihm nun rund heraus, ich hätte in dieser Nacht beschlossen, die Passion müsse in den nächsten Monaten, noch vor seiner beabsichtigten Reise nach England, in der Singakademie aufgeführt werden. Er lachte. - "Wer dirigiert sie denn?“ "Du!" "Den Teufel auch! Unterstützen will ich die Musik mit -" "Komm mir nicht wieder mit deinem Waldteufel! Die Sache ist jetzt außer allem Spaß und gründlich überlegt." "Potz Wetter, du wirst feierlich! Nun, laß einmal hören!" | When he appeared, I told him to go to his breakfast and eat heartily, so that he would not interrupt me too often. He went along with this in good humour and with an even better appetite, and I then declared to him flatly that I had decided during the night that the Passion must be performed at the Singakademie within the next few months, before his planned journey to England. He laughed. – "And who is going to conduct it?" "You!" "The devil I will! I'll support the music with –" "Don't come at me again with your Waldteufel! The matter is no joke any more, and it has been thoroughly thought through." "Good heavens, you're getting solemn! Well, let's hear it!" |
| Nun stellte ich ihm die Folgerung auf: wir hätten die "Matthäuspassion" als das größte und wichtigste deutsche Musikwerk erkannt; folglich dürften wir auch nicht ruhen, bis dasselbe wieder zu lebendiger Wirkung gekommen sei und wieder die Gemüter erbaue. Da mir Felix diese Aufstellungen nicht hatte widerlegen können, so durfte ich die Summe ziehen: "Die Aufführung kann zur Zeit niemand als du mit überzeugendem Erfolge unternehmen, folglich mußt du es tun!" "Wenn ich's durchsetzen könnte, ja!" | I now laid out my reasoning: we had recognised the St Matthew Passion as the greatest and most important German musical work; consequently we must not rest until it had come to life again and was once more edifying people's hearts. Since Felix had been unable to refute these propositions, I was entitled to draw the conclusion: "At present no one but you can undertake the performance with convincing success; therefore you must do it!" "If I could carry it through – yes!" |
| Nun eröffnete ich ihm, daß, wenn er selbst die Veranstaltung wirklich nicht durchzusetzen vermöge, ich mir Folgendes ausgedacht: Es sei ihm bekannt, daß die Singakademie sowohl als Zelter selbst sich mir für meine beinahe zehnjährige Mitwirkung bei allen ihren Konzerten verpflichtet erachteten; ich würde also einen Gegendienst von beiden verlangen dürfen, und der sollte die Überlassung des Saales und die Erlaubnis und Befürwortung einer Einladung der Singakademie zur Mitwirkung bei der Passionsaufführung sein. | I then revealed to him that, in case he really could not carry the enterprise through himself, I had devised the following: he knew that both the Singakademie and Zelter himself considered themselves indebted to me for nearly ten years of taking part in all their concerts; I would therefore be entitled to ask a favour in return from both, and this was to be the use of the hall, and permission for – and support of – an invitation to the Singakademie to take part in the performance of the Passion. |
| Felix vermochte nicht zu leugnen, daß man mir beides nicht verweigern werde. Ich setzte ihm also weiter auseinander, daß, wenn er meine Genossenschaft nicht verschmähen und als dirigierender Mitunternehmer auftreten wolle, auch der musikalische Kredit des Unternehmens gesichert sei, und wenn wir schließlich dessen Geldgewinn für irgendeinen wohltätigen Zweck bestimmten, so würde die Sache nach allen Seiten hin gedeckt sein. So schloß ich denn: "Ich biete dir also hiermit dies anständige Compagniegeschäft, übernehme dabei alle geschäftlichen Besorgungen und singe den Jesus, du aber dirigierst das vergessene Wunderwerk wieder in die offene Welt hinaus!" | Felix could not deny that neither would be refused me. So I explained further that, if he would not scorn my partnership and would act as conducting co-promoter, the musical credit of the undertaking would also be assured; and if we finally devoted its profits to some charitable cause, the matter would be covered on every side. And so I concluded: "I hereby offer you this respectable partnership: I'll take on all the business arrangements and sing Jesus, but you will conduct the forgotten masterpiece back out into the open world!" |
| Felix war gedankenvoll, dann sagte er: "Was mir an deinem Vorschlage gefällt, ist, daß wir die Sache miteinander machen sollen, das ist hübsch. Aber glaube mir, wir werden zunächst an Zelters Widerspruch scheitern. Er hält die Aufführung der Passion für unmöglich, weil er und andere sie bisher nicht unternehmen mochten." | Felix grew thoughtful, then said: "What I like about your proposal is that we are to do the thing together – that is nice. But believe me, we shall founder at the very start on Zelter's opposition. He thinks a performance of the Passion impossible because he and others have so far not cared to undertake it." |
| Ich setzte bessere Hoffnung auf Zelters tüchtige Natur und auf die starke Gemütsseite seines bärbeißigen Charakters; für den schlimmsten Fall aber war ich entschlossen, selbst gegen Zelters Widerspruch die Sache bei der Vorsteherschaft der Singakademie anzubringen und ihn zur Nachgiebigkeit zu nötigen. Gegen solche extreme Schritte hatte Felix die stärkste Abneigung; er hielt sie für pietätswidrig. Ich überredete ihn, daß sie nicht nötig sein würden. Und so willigte er nach langem Hin- und Herdebattieren ein, sich dem Unternehmen nicht zu entziehen. | I had more faith in Zelter's sound nature and in the strong emotional side of his gruff character; but for the worst case I was determined, even against Zelter's opposition, to put the matter before the board of the Singakademie and compel him to give way. Felix had the strongest aversion to such extreme steps; he considered them a breach of the respect owed to his teacher. I persuaded him that they would not be necessary. And so, after long debating back and forth, he agreed not to withdraw from the undertaking. |
| Die Eltern und Fanny (Mendelssohns ältere Schwester) stimmten meinem Plane bei, den sie als den einzigen erfolgsverheißenden ansahen. Es mußte sie freuen, wenn Felix vor seinem Ausfluge in die Welt noch eine große und denkwürdige Aufgabe löste. Der Vater hegte zwar noch Besorgnis vor Zelters Widerstand, ich aber war guten Mutes. | The parents and Fanny (Mendelssohn's elder sister) agreed to my plan, which they saw as the only one that promised success. It could only please them if Felix accomplished one more great and memorable task before setting out into the world. His father, it is true, still feared Zelter's resistance, but I was in good spirits. |
| Felix, nun mit der Sache sehr beschäftigt, dachte sich noch ein kluges Verfahren aus, um sich und das Unternehmen nicht zu kompromittieren: Die Chorübungen sollten mit der etwas vermehrten Mitgliederzahl des häuslichen Kreises im kleinen Akademiesaale ohne angekündigten weiteren Zweck fortgesetzt werden; dieser Chor sollte sich aus Mitgliedern der Singakademie nach Lust und Neigung, auch Neugier, allmählich vermehren; dadurch gewönne er einen sicheren Kern und vermöge - wenn alles gut gehe - die Masse mit sich zu ziehen. Für den Fall aber, daß das Studium keinen Erfolg verspreche oder andere Hinderungen sich fänden, könne die Sache aufgegeben werden, bevor die Absicht einer Aufführung ausgesprochen worden sei. | Felix, now very much taken up with the matter, devised a further clever procedure so as not to compromise himself or the undertaking: the choir rehearsals were to continue in the small hall of the Akademie, with the somewhat enlarged membership of the domestic circle, without any further purpose being announced; this choir was to grow gradually with members of the Singakademie who joined out of desire and inclination – or curiosity; in this way he would gain a reliable core and might – if all went well – carry the mass along with him. But if the rehearsals showed no promise of success, or other obstacles arose, the matter could be dropped before any intention of a performance had been declared. |
| So vorbereitet rückten wir dem alten Zelter aufs Zimmer, im Erdgeschoß der Singakademie. Vor der Tür sagte Felix mir noch: "Du, wenn er aber grob wird, geh ich fort; ich darf mich mit ihm nicht kabbeln." - "Grob wird er ganz gewiß", antwortete ich, "aber das Kabbeln übernehme ich." | Thus prepared, we marched on old Zelter's room on the ground floor of the Singakademie. At the door Felix said to me: "Listen, if he gets rude, I'm leaving; I mustn't squabble with him." – "Rude he'll certainly get," I replied, "but I'll take care of the squabbling." |
| Wir klopften an. Die rauhe Stimme des Meisters rief uns laut hinein. Wir trafen den alten Riesen im dichten Tabaksqualm, mit der langen Pfeife im Munde, an seinem alten Flügel, mit doppelter Klaviatur, sitzend. Die Schwanenfeder, mit der er zu schreiben pflegte, hatte er in der Hand, ein Notenblatt vor sich. Er trug seine sandfarbene kurze Pikesche, Unterbeinkleider, die, unterm Knie gebunden, noch auf kurze Hosen berechnet waren, derbe wollene Strümpfe und gestickte Schuhe. Den Kopf, mit den zurückgestrichenen weißen Haaren, hatte er gehoben; das Gesicht mit seinen derben, bürgerlichen und doch bedeutenden Zügen hatte er nach der Tür uns zugewendet, und als er uns durch seine Brille erkannt hatte, rief er freundlich in seiner breiten Weise: "I, sieh da! schon so früh zwei so schöne junge Leute! Nun, was verschafft mir die Ehre? Hier, Platz genommen!" | We knocked. The master's rough voice loudly called us in. We found the old giant in a thick fog of tobacco smoke, the long pipe in his mouth, seated at his old grand piano with its double keyboard. In his hand was the swan's quill with which he used to write, a sheet of music before him. He wore his short sand-coloured frogged jacket, underbreeches tied below the knee – still cut for knee-breeches – coarse woollen stockings and embroidered shoes. He had raised his head with its swept-back white hair; he had turned his face, with its coarse, middle-class and yet impressive features, towards us at the door, and when he had recognised us through his spectacles he called out amiably in his broad manner: "Well, look at that! Two such handsome young people, and so early! Now, to what do I owe the honour? Here, take a seat!" |
| Er führte uns zu einem Winkel des Zimmers, wo er auf einem schlichten Sofa niedersaß; wir holten uns Stühle, | He led us to a corner of the room, where he sat down on a plain sofa; we fetched ourselves chairs, |
| Nun begann ich meinen wohlüberlegten Vortrag von der Bewunderung des Bachschen Werkes, das wir in seinen Freitagsmusiken zuerst kennengelernt und dann im Mendelssohnschen Hause weiter studiert hätten, und daß wir jetzt der dringenden inneren und äußeren Aufforderung nachgeben möchten, einen Versuch zu machen, das Meisterwerk der Öffentlichkeit zurückzugeben und - wenn er es erlauben und unterstützen wolle - mit Hilfe der Singakademie eine Aufführung zu veranstalten. | I now began my well-considered address: on our admiration for Bach's work, which we had first come to know at his Friday sessions and then studied further at the Mendelssohns' house, and how we now wished to yield to the urgent inner and outer call to attempt to give the masterpiece back to the public and – if he would permit and support it – to arrange a performance with the help of the Singakademie. |
| "Ja", sagte er gedehnt und reckte dabei das Kinn in die Höhe, wie er zu tun pflegte, wenn er etwas mit großem Nachdruck besprach, "wenn das so zu machen wäre! Dazu gehört mehr, als wir heutzutage zu bieten haben!" - Nun verbreitete er sich über die Forderungen und Schwierigkeiten des Werkes, daß man für diese Chore eine Thomasschule brauche, und eine, wie sie damals beschaffen gewesen, als Johann Sebastian Bach ihr Kantor war; daß auch ein Doppelorchester notwendig sei, und, daß die Violinspieler von heutzutage diese Musik gar nicht mehr zu traktieren verständen. Das alles sei schon lange und vielfach bedacht, und wenn sich die Schwierigkeiten so bald hätten aus dem Wege räumen lassen, so wären schon längst alle vier Passionsmusiken von Bach aufgeführt. | "Yes," he said, drawing out the word and thrusting his chin up, as he used to do when he discussed something with great emphasis, "if only it could be done like that! It takes more than we have to offer nowadays!" – He then held forth on the demands and difficulties of the work: that for these choruses one would need a Thomasschule, and one such as it was when Johann Sebastian Bach was its cantor; that a double orchestra was also necessary, and that the violinists of today no longer had any idea how to handle this music. All this had long been considered, and often; and if the difficulties could have been cleared away so quickly, all four of Bach's Passions would have been performed long ago. |
| Er war warm geworden, stand auf, legte die Pfeife weg und schritt durchs Zimmer. Felix zupfte mich am Rock, er gab die Sache schon verloren. | He had warmed to his theme, stood up, put down his pipe and paced the room. Felix tugged at my coat; he already considered the matter lost. |
| Ich erwiderte nun, daß wir, namentlich Felix, diese Schwierigkeiten sehr hoch anschlügen, daß wir aber den Mut hätten, sie nicht für unüberwindlich zu halten. Die Singakademie sei durch ihn schon mit Johann Sebastian Bach bekannt, er habe den Chor so vortrefflich geschult, daß derselbe jeder Schwierigkeit gewachsen sei; Felix habe auch durch ihn das Werk kennengelernt, verdanke ihm auch die Anweisungen für seine Direktion; ich brenne vor Verlangen, die Partie des Jesus öffentlich vorzutragen; wir dürften hoffen, daß derselbe Enthusiasmus, welcher uns bewegte, bald alle Mitwirkenden ergreifen und das Unternehmen gelingen lassen werde. | I now replied that we, Felix in particular, rated these difficulties very highly, but that we had the courage not to consider them insurmountable. Through him the Singakademie was already acquainted with Johann Sebastian Bach; he had trained the choir so excellently that it was equal to any difficulty; Felix too had come to know the work through him, and owed him the guidance for his conducting; I was burning with desire to sing the part of Jesus in public; we might hope that the same enthusiasm that moved us would soon seize all who took part and make the undertaking succeed. |
| Zelter war immer ärgerlicher geworden. Er hatte hie und da Äußerungen des Zweifels und der Geringschätzung eingeworfen, bei denen Felix mich wieder am Rock gezupft, dann sich allmählich der Tür genähert hatte. Jetzt platzte der alte Herr los: "Das soll man nun geduldig anhören! Haben sich's ganz andere Leute müssen vergehen lassen, diese Arbeit zu unternehmen, und da kommt nun so ein Paar Rotznasen daher, denen alles das Kinderspiel ist!" | Zelter had become more and more annoyed. Here and there he had thrown in remarks of doubt and disdain, at which Felix had again tugged my coat and then gradually edged towards the door. Now the old gentleman exploded: "And one is supposed to listen to this patiently! Quite different people have had to give up the idea of undertaking this work, and now along come a couple of snotty-nosed brats to whom it's all child's play!" |
| Diesen Berliner Kernschuß hatte er mit äußerster Energie abgefeuert. Ich hatte Mühe, das Lachen zu verbeißen; hatte Zelter doch einen Freibrief für alle Grobheit, und für Christi Passion von Johann Sebastian Bach und von unserem alten Lehrer konnten wir uns wohl noch mehr gefallen lassen. | He had fired off this point-blank Berlin shot with the utmost energy. I had trouble suppressing a laugh; after all, Zelter had licence for every kind of rudeness, and for the sake of Johann Sebastian Bach's Passion of Christ we could well put up with even more from our old teacher. |
| Ich sah mich nach Felix um. Der stand an der Tür, den Griff in der Hand und winkte mir mit etwas blassem und verletztem Gesicht zu, daß wir gehen sollten. Ich bedeutete ihm, daß wir bleiben müßten, und fing getrost wieder an zu argumentieren: daß, wenn wir auch jung, wir doch wohl nicht mehr so ganz unreif wären, da unser Meister uns doch schon manche schwierige Aufgabe zugemutet habe; daß gerade der Jugend der Unternehmungsmut zustehe, und zuletzt müsse es doch wohltuend für ihn sein, wenn gerade zwei seiner Schüler sich an dem Höchsten versuchten, das er sie kennen gelehrt. | I looked round for Felix. He was standing at the door, the handle in his hand, and with a somewhat pale and wounded face signalled to me that we should go. I indicated to him that we must stay, and confidently began to argue again: that though we were young, we were surely no longer quite so immature, since our master had already entrusted us with many a difficult task; that daring belonged precisely to youth; and that, finally, it must surely do him good when two of his own pupils ventured upon the highest thing he had taught them to know. |
| Meine Argumente begannen jetzt sichtlich zu wirken, die Krisis war überstanden. Wir wollten nur den Versuch machen, fuhr ich fort, ob das Unternehmen sich durchsetzen lasse, dies nur möge er erlauben und unterstützen; gelänge es nicht, so könnten wir immer noch, und ohne Schande, davon ablassen. | My arguments now visibly began to take effect; the crisis was over. We only wanted to try, I went on, whether the undertaking could be carried through; that was all he need permit and support; if it did not succeed, we could still give it up, and without disgrace. |
| "Wie wollt ihr denn das machen?" sagte er stehen bleibend, "ihr denkt an nichts. Da ist zuerst die Vorsteherschaft, die konsentieren muß; da sind gar viele Köpfe und viele Sinne - und Weiberköpfe sind auch dabei; ja! - die bringt ihr nicht so leicht unter einen Hut!" | "And how do you propose to do that?" he said, stopping in his tracks, "you don't think of anything. First there's the board, which has to consent; there are a great many heads and a great many minds – and women's heads among them too, yes! – you won't get them all under one hat so easily!" |
| Ich entgegnete ihm: die Vorsteher seien mir freundlich gesinnt, die tonangebenden Vorsteherinnen, als Mitsingende bei den Übungen im Mendelssohnschen Hause, schon gewonnen. Ich hoffte die Bewilligung des Saales und der Mitwirkung der Mitglieder wohl zu erlangen, | I countered that the gentlemen of the board were well disposed towards me, and that the leading ladies of the board, who sang in the rehearsals at the Mendelssohns' house, had already been won over. I hoped to obtain permission for the hall and for the members' participation, |
| "Ja, die Mitglieder!" rief Zelter, "da fängt der Jammer erst an. Heute kommen ihrer zehn zur Probe und morgen bleiben zwanzig davon weg, ja!" | "Ah yes, the members!" cried Zelter, "that's where the misery really starts. Today ten of them come to rehearsal and tomorrow twenty of them stay away, yes!" |
| Wir konnten von Herzen über diesen Witz lachen, denn er zeigte uns, daß unsere Partie gewonnen war. Felix setzte dem alten Herrn nun seinen Plan mit den Vorübungen im kleinen Saale auseinander, sprach ihm von der Zusammensetzung des Orchesters, das Eduard Rietz führen sollte, und da Zelter schließlich keine praktischen Bedenken mehr vorbringen konnte, so sagte er: "Na, ich will euch nicht entgegen sein - auch zum Guten sprechen, wo es Not tut. Geht denn in Gottes Namen daran, wir werden ja sehen, was draus wird!" | We could laugh at this joke with all our hearts, for it showed us that our game was won. Felix now explained to the old gentleman his plan of preliminary rehearsals in the small hall, told him about the make-up of the orchestra, which Eduard Rietz was to lead, and since Zelter could finally raise no more practical objections, he said: "Well, I won't stand in your way – and I'll put in a good word where needed. Go to it, then, in God's name; we shall see what comes of it!" |
| So schieden wir dankbar und als gute Freunde von unserem alten, wackeren Bären. "Wir sind durch!" sagte ich auf der Hausflur. - "Aber höre", erwiderte Felix, "du bist eigentlich ein verfluchter Kerl, ein Erzjesuit!" - "Alles zur höheren Ehre Gottes und Johann Sebastian Bachs", entgegnete ich, und wir jubelten draußen in die Winterluft hinaus, da nun der wichtigste Schritt gelungen war. | So we parted from our good old bear gratefully and as good friends. "We're through!" I said in the hallway. – "But listen," Felix replied, "you're really a damned fellow, an arch-Jesuit!" – "All to the greater glory of God and of Johann Sebastian Bach," I answered, and outside we cheered into the winter air, for now the most important step had been taken. |
| Alles andere machte sich nun leicht. Die Schwierigkeiten verschwanden wie Gespenster, denen man zu Leibe rückt. Die Vorsteherschaft willigte unbedenklich in alle unsere Wünsche; die erste Chorübung im kleinen Saale hatte schon doppelt so viele Teilnehmer als im Mendelssohn'schen Hause, und sie wuchsen von einer Uebung zur andern dergestalt, dass der Kopist nicht hinlänglich Stimmen schaffen konnte, und wir auch schon nach der fünften Uebung in den grossen Saal gehen mussten. Man darf hierbei nicht vergessen, dass die grosse Zahl der Akademiemitglieder, welche, gelockt von dem merkwürdigen Unternehmen, zu diesen ersten Uebungen kamen, nach Zelters Voraussage alle nicht wiedergekommen wären, wenn es nicht gelang, sie gleich bei der ersten Zusammenkunft zu gewinnen und zu fesseln. | Everything else now came easily. The difficulties vanished like ghosts one stands up to. The board agreed without hesitation to all our wishes; the first choir rehearsal in the small hall already had twice as many participants as at the Mendelssohns' house, and their number grew from one rehearsal to the next so much that the copyist could not produce enough parts, and after only the fifth rehearsal we had to move into the large hall. One must not forget that the large number of Akademie members who, lured by this remarkable undertaking, came to these first rehearsals would, as Zelter had predicted, none of them have come back, had we not managed to win and captivate them at the very first meeting. |
| Darum nahm Felix sofort - und wiederholte das in den ersten Vorübungen - nicht vereinzelte Stücke, etwa die leichten zuerst, sondern eine bestimmte Gruppe der Komposition zum Studienobjekte, übte die Chöre sogleich mit unerbittlicher Genauigkeit bis zu ihrem vollen Ausdruck und gab dadurch den Singenden einen ganz vollständigen Eindruck von der Besonderheit des Werkes. Seine Erklärungen und Anweisungen waren präzis, kurz und ebenso übergewichtig als jugendlich bescheiden vorgebracht. | That is why Felix at once – and he repeated this in the first preliminary rehearsals – took not isolated pieces, the easy ones first, say, but a particular section of the composition as the object of study, rehearsed the choruses straight away with relentless precision until they reached their full expression, and so gave the singers a complete impression of the distinctive character of the work. His explanations and instructions were precise and brief, delivered with as much authority as youthful modesty. |
| Mehrere Male sassen wir indessen beide beisammen, die Abkürzung der Partitur für die Aufführung zu überlegen. Es konnte nicht darauf ankommen, das Werk, das doch auch durch den Geschmack seiner Zeit vielfach beeinflusst war, in seiner Vollständigkeit vorzuführen, sondern den Eindruck seiner Vorzüglichkeit zusammenzuhalten. Die Mehrzahl der Arien musste weggelassen, von anderen konnten nur die Einleitungen, die sogenannten Accompagnements, erhalten werden; auch vom Evangelium musste fortbleiben, was nicht zur Passionserzählung gehört, oft genug waren wir zwiespältiger Ansicht, denn es galt eine Gewissensaufgabe; aber was wir schliesslich festgestellt, scheint doch das Rechte gewesen zu sein, da es späterhin bei den meisten Aufführungen angenommen worden ist. | Meanwhile the two of us sat together several times to consider how to shorten the score for the performance. The point could not be to present the work, which after all had also been influenced in many ways by the taste of its time, complete; rather, to hold together the impression of its excellence. Most of the arias had to be left out; of others only the introductions, the so-called accompagnati, could be kept; and from the Gospel, too, whatever did not belong to the Passion narrative had to go. Often enough we were of two minds, for it was a matter of conscience; but what we finally settled on seems to have been right after all, since it was later adopted in most performances. |
| Es wurde nun Zeit, die Solosänger einzuladen. Wir beschlossen, vereint die Runde zu machen, und Felix war kindisch genug, zu verlangen, dass wir dazu ganz gleich gekleidet sein sollten. Blauer Rock, weisse Weste, schwarzes Halstuch, schwarze Pantalons, und dazu hellgelbe Handschuhe von Wildleder, die damals gebräuchlich waren. In dieser Passionsuniform gingen wir denn - nachdem uns Therese, der die Sache sehr feierlich war, eine Festschokolade gegeben, die Felix liebte - sehr vergnügt unseres Weges. Wir besprachen den wunderlichen Zufall, dass gerade hundert Jahre seit der letzten Leipziger Aufführung vergangen sein mussten, bis diese Passion wieder ans Licht komme.- "Und", rief Felix übermütig, mitten auf dem Opernplatze stehen bleibend, "dass es gerade ein Komödiant und ein Judenjunge sein müssen, die den Leuten die grösste christliche Musik wiederbringen!" | It was now time to invite the soloists. We decided to make the rounds together, and Felix was childish enough to insist that we be dressed exactly alike: blue coat, white waistcoat, black cravat, black trousers, and with them pale yellow suede gloves, as was the fashion then. In this Passion uniform we set off – after Therese, for whom the matter was very solemn, had given us a festive cup of chocolate, which Felix loved – in very high spirits. We talked about the strange coincidence that exactly a hundred years had had to pass since the last Leipzig performance before this Passion came to light again. – "And," cried Felix exuberantly, stopping in the middle of the Opernplatz, "that it should take an actor and a Jewish boy to give people back the greatest Christian music!" |
| Felix vermied sonst entschieden, seiner Abstammung zu gedenken; hier riss ihn das Frappante der Bemerkung und die fröhliche Stimmung hin. "Du führst das Wort und ich mache nur die Reverenzen dazu", sagte Felix vor der ersten Tür, wo wir ansprachen. Wir hatten beides wenig nötig, die vier ersten Talente unserer Oper waren zur Mitwirkung ganz bereit. Ihr Hinzutreten zu den Proben, die Vollendung, die das Werk nun gewann, gab den Studien neues Interesse. Musiker und Kenner drängten sich zu den Proben, um die Komposition genauer verstehen zu lernen. Man staunte, nicht sowohl über die Grossartigkeit des Baues, sondern mehr über die Fülle der Melodien, über den reichen Ausdruck der Empfindung, der Leidenschaft, über die eigentümliche Deklamation und über die Wucht der dramatischen Wirkungen. Von alledem hatte man ja dem alten Bach nichts zugetraut. | Otherwise Felix firmly avoided referring to his descent; here he was carried away by the striking nature of the remark and by the cheerful mood. "You do the talking and I'll just do the bowing," Felix said at the first door where we called. We needed little of either: the four leading talents of our opera were quite ready to take part. Their joining the rehearsals, and the completeness the work now gained, gave the study new interest. Musicians and connoisseurs crowded into the rehearsals to learn to understand the composition better. People were amazed not so much at the grandeur of its structure as at the abundance of melody, at the rich expression of feeling and passion, at the peculiar declamation and the force of the dramatic effects. None of this had anyone credited old Bach with. |
| Aber was Felix getan hat, diese Eigenschaften des Werkes ans Licht zu kehren, seinen Wunderbau in seiner ganzen Pracht erkennen zu lassen, das ist ebenso denkwürdig, wie die ganze folgenreiche Unternehmung. Die Genialität der Auffassung, mit der er sich des Werkes bemächtigt und es zum heiligsten Eigentum gemacht hatte, das war nur die Hälfte seines Verdienstes. Mit welcher Geschicklichkeit, Energie, Ausdauer und kluger Berechnung seiner Mittel er das antiquierte Werk wieder modern, anschaulich und lebendig gemacht hat, das muss man miterlebt haben, um den zwanzigjährigen Jüngling danach in der Bedeutung seiner Fähigkeiten und ihrer frühen Reife zu schätzen. Er hat in seinem ganzen Leben kein grösseres Meisterstück der Direktion geliefert, als dieses erste und vielleicht schwierigste. | But what Felix did to bring these qualities of the work to light, to let its wondrous structure be seen in all its splendour, is as memorable as the whole momentous undertaking. The genius of the conception with which he had taken possession of the work and made it his most sacred property was only half his merit. With what skill, energy, perseverance and shrewd calculation of his means he made the antiquated work modern, vivid and alive again – one must have witnessed it to appreciate the twenty-year-old youth in the full significance of his abilities and their early maturity. In his whole life he never delivered a greater masterpiece of conducting than this, his first and perhaps most difficult. |
| Die grossen Proben waren durch Zelters autoritätsverleihende Gegenwart gehoben, aber solange das Orchester nicht dabei war, hatte Felix mit der ganzen Arbeit der Direktion und der Flügelbegleitung fertig zu werden, was bei den so vielfach rasch einschlagenden Chorsätzen von verschiedenen Rhythmen überaus schwierig war; wobei denn das Kunststück durchgeführt werden musste, mit der linken Hand die ganze Begleitung zu erzwingen, während die rechte den Taktstock schwang. | The full rehearsals were lent weight by Zelter's authoritative presence, but as long as the orchestra was not there, Felix had to manage the whole work of directing and accompanying at the piano alone – extremely difficult with so many choral passages that come crashing in rapidly in differing rhythms; and so the feat had to be performed of forcing out the entire accompaniment with the left hand while the right wielded the baton. |
| Als das Orchester hinzutrat, liess Felix - weil das damalige Konzertdekorum dem Dirigenten noch nicht erlaubte, die Rückenstellung gegen das Publikum einzunehmen, die ihm im Opernorchester immer erlaubt war - den Flügel in die Quere, zwischen die beiden Chore, stellen, wodurch er freilich den ersten Chor im Rücken hatte, aber doch den zweiten und das Orchester im Auge. Dieses bestand grösstenteils aus Dilettanten des philharmonischen Vereins, nur die Führer der Streichinstrumente und die Bläser gehörten der königlichen Kapelle an. Die letzteren waren auf der Höhe der amphitheatralischen Aufstellung durch die drei geöffneten Türen bis in den kleinen Saal hinausgerückt. Eduard Rietz war der Anker, der dieser schwankenden Körperschaft festen Grund verlieh. | When the orchestra joined, Felix had the piano placed crosswise between the two choirs – because the concert etiquette of the time did not yet allow the conductor to turn his back on the audience, as he was always permitted to do in the opera orchestra. This meant, admittedly, that he had the first choir behind him, but he did have the second choir and the orchestra in view. The orchestra consisted mostly of amateurs from the Philharmonic Society; only the leaders of the strings and the wind players belonged to the Royal Kapelle. The latter, at the top of the amphitheatre-like arrangement, had been moved out through the three open doors into the small hall. Eduard Rietz was the anchor who gave this unsteady body firm ground. |
| Diese schwierige Situation beherrschte der Neuling Felix mit einer Ruhe und Sicherheit, als ob er schon zehn Musikfeste dirigiert hätte. Die feine und anspruchslose Weise, in welcher er durch Miene, Kopf- und Handbewegung an die verabredeten Schattierungen des Vortrags erinnerte und ihn so mit leiser Gewalt beherrschte; die gelassene Sicherheit, mit welcher er bei Generalprobe und Aufführung, sobald grosse Stücke von gleichmässiger Bewegung ganz im Zuge waren, kaum merklich nickend, als wollte er sagen: "Nun geht es gut und ohne mich!", den Taktstock sinken liess und mit der verklärten Miene zuhörte, die ihn beim Musizieren seltsam verschönte, gelegentlich mir mit den Augen zuwinkend, bis er wieder vorausempfand, dass es nötig sei, den Taktstock zu gebrauchen - alles das war ebenso bewunderungs- wie liebenswürdig. | This difficult situation the newcomer Felix mastered with a calm and assurance as if he had already conducted ten music festivals. The fine and unassuming way in which, by a look, a movement of the head or hand, he recalled the agreed nuances of the performance and so governed it with gentle force; the composed confidence with which, at the dress rehearsal and the performance, as soon as long pieces of even motion were well under way, he would let the baton sink with a barely perceptible nod, as if to say: "Now it's going well, and without me!", and listen with that transfigured expression which so strangely beautified him when making music, now and then giving me a wink, until he sensed in advance that the baton was needed again – all this was as admirable as it was endearing. |
| Wir hatten oft über musikalische Direktion disputiert. Mich störte - und stört mich heute noch - das unausgesetzte, notwendig mechanisch werdende Taktieren der Dirigenten. Die Musikstücke werden damit förmlich durchgefuchtelt. Ich hielt es immer für angemessen, nur da zu taktieren, wo schwierige Stellen oder zu fürchtende Schwankungen der Ausführung es nötig machten. Die Aufgabe aller Direktion ist doch wohl: sich möglichst vergessen zu machen. Felix nahm sich vor, mir zu zeigen, wie weit man darin gehen dürfe, und er zeigte es bei der Passionsaufführung in der vollendetsten Weise. | We had often argued about conducting. What bothered me – and bothers me still – is the conductors' incessant beating of time, which inevitably becomes mechanical. The pieces are positively flailed through. I always thought it right to beat time only where difficult passages or likely wavering in the performance made it necessary. Surely the task of all conducting is to make itself forgotten as far as possible. Felix resolved to show me how far one might go in this, and at the performance of the Passion he showed it in the most consummate way. |
| Ich erinnere mich dessen mit um so mehr Befriedigung, als man in neuerer Zeit das merkwürdige Hantieren des Dirigenten zu einem Hauptreiz von Musikaufführungen gemacht hat. | I recall this with all the more satisfaction since in recent times the conductor's curious antics have been made into a chief attraction of musical performances. |
| Zu dem bahnbrechenden Einfluss, den Johann Sebastian Bach auf die Musik der Neuzeit durch die "Matthäuspassion" gewinnen sollte, gehörte es allerdings, dass die erste Wiederaufführung so vollkommen gelang, als dieses am 11. März 1829 geschah; sie ist um dessentwillen denkwürdig. Die Singakademie leistete mit diesen Chören das Trefflichste, was sie je vermocht hatte, und wer den Stimmklang dieser drei- bis vierhundert hochgebildeten Dilettanten gehört hat, wer es erfahren hat, zu welch wirklich andächtigem Eifer bedeutende Musik sie hinreissen konnte, der wird begreifen, dass hier unter vollendeter Führung das Vollendete geleistet wurde. | For the groundbreaking influence that Johann Sebastian Bach was to gain on modern music through the St Matthew Passion, it was certainly essential that the first revival succeeded as perfectly as it did on 11 March 1829; for that reason it is memorable. With these choruses the Singakademie achieved the finest it had ever been capable of, and anyone who heard the sound of these three to four hundred highly cultivated amateurs, who experienced to what truly devout zeal great music could carry them, will understand that here, under consummate leadership, something consummate was achieved. |
| Stümer sang den Evangelisten mit der wohltuendsten Korrektheit, ganz im Tone des Erzählers, ohne sich im Empfindungsausdruck des zweiten Teils den unmittelbar redenden dramatischen Gestalten gleichzustellen. Auch die Arie "Ich will bei meinem Jesu wachen" hatte er übernommen, da sie zu hoch für Bader lag, der in seiner anspruchslosen Willigkeit, mitzuhelfen, den Petrus und den Pilatus sang. Die Damen brachten ihre rührenden Stücke zu voller Wirkung: die gewinnende Stimme der Milder, zumal das Accompagnato "Du lieber Heiland du", der vollquellende Ton des Fräuleins von Schätzel die Arie "Erbarme Dich mein Gott!", von Eduard Rietz mit seinem grossen vollen Ton im stilvollen Ausdruck begleitet, ein Bussgesang ohnegleichen. | Stümer sang the Evangelist with the most gratifying correctness, entirely in the tone of a narrator, without, in the emotional expression of the second part, putting himself on a level with the dramatic characters who speak directly. He had also taken over the aria "Ich will bei meinem Jesu wachen", since it lay too high for Bader, who in his unassuming willingness to help sang Peter and Pilate. The ladies brought their moving pieces to full effect: the winning voice of Madame Milder, especially in the accompagnato "Du lieber Heiland du"; the full, welling tone of Fräulein von Schätzel in the aria "Erbarme dich, mein Gott!", accompanied with stylish expression by Eduard Rietz with his big, full tone – a song of penitence without equal. |
| Ich meines Teils war mir bewusst, dass der Eindruck, den der Vortrag des Jesus hervorbringt, wesentlich über den Eindruck des ganzen Werkes entscheidet. Mir galt es als die grösste Aufgabe, die einem Sänger werden kann. Mich beruhigte, dass die Partie gut in meiner Stimme lag, dass ich sie lange mit Felix und zu seiner vollen Befriedigung studiert hatte, und so konnte ich, getragen von dem Total der Aufführung, aus voller Seele singen, und fühlte, dass die andächtigen Schauer, die mich bei den eindringlichsten Stellen durchrieselten, auch durch die totenstillen Zuhörer wehten. | For my part, I was aware that the impression made by the rendering of Jesus essentially decides the impression of the whole work. I regarded it as the greatest task that can fall to a singer. I was reassured that the part lay well in my voice and that I had studied it long with Felix, to his full satisfaction; and so, carried by the performance as a whole, I could sing with all my soul, and I felt that the devout shivers that ran through me at the most searching passages passed through the deathly silent listeners too. |
| Nie habe ich eine heiligere Weihe auf einer Versammlung ruhen gefühlt, als an diesem Abend auf Musizierenden und Zuhörern. | Never have I felt a holier consecration resting upon a gathering than upon performers and listeners that evening. |
| Der Vorgang machte zunächst in dem Bildungskreise Berlins eine ganz ausserordentliche Sensation. Man fühlte die epochemachende Konsequenz dieses Wiederauflebens der populären Wirkung eines halb vergessenen Genies. Wir mussten eine zweite Aufführung am 21. März veranstalten, die überfüllt war, wie die erste. Die beiden Einnahmen dienten zur Stiftung zweier Nähschulen für arme Mädchen. – | The event caused, first of all in Berlin's educated circles, a quite extraordinary sensation. People felt the epoch-making consequence of this revival of the popular appeal of a half-forgotten genius. We had to arrange a second performance on 21 March, which was as packed as the first. The proceeds of both went to found two sewing schools for poor girls. – |
| Zelter wiederholte sie, nach Felix’ Abreise, am Karfreitag, den 17. April, anstatt des gewohnten "Tod Jesu" von Graun. | After Felix's departure Zelter repeated it on Good Friday, 17 April, instead of the customary "Tod Jesu" by Graun. |
| Wie der Eindruck dieser Aufführungen bald ähnliche in anderen Städten hervorgerufen, wie man sich an anderen Passionsmusiken von Bach, besonders an der nach dem Evangelisten Johannes versucht, dann die Aufmerksamkeit auf die Instrumentalmusik der alten Meister gewendet, sie herausgegeben, zu Konzert-Bravourstücken gemacht usw., das alles ist der heutigen Musikwelt bekannt. Sie sollte aber nie vergessen, dass dieser neue Bach-Kultus vom 11. März 1829 datiert, und dass Felix Mendelssohn es war, welcher den grössten und tiefsinnigsten Komponisten wieder in lebendige Wirkung gesetzt hat. | How the impression of these performances soon prompted similar ones in other cities, how people tried their hand at other Passions by Bach, especially the one after the Evangelist John, then turned their attention to the instrumental music of the old masters, published it, turned it into virtuoso concert pieces, and so on – all this is known to today's musical world. But it should never forget that this new Bach cult dates from 11 March 1829, and that it was Felix Mendelssohn who brought the greatest and most profound of composers back to life. |
Dick Wursten (dick@wursten.be)